Sind wir bald alle Cyborgs?

Bei Cyborgs denken die meisten wahrscheinlich an Science-Fiction-Filme, Romane oder Videospiele. Dabei sind sie schon lange keine Fiktion mehr – sondern absolut real. Natürlich sind damit keine Killermaschinen à la Terminator gemeint, sondern ganz normale Menschen: normal, nur eben mit kleinen Extras. Was hat es auf sich mit Cyborgs und „Cyborgism“ – und was hält die Zukunft für unsere Körper noch alles bereit? Sind wir womöglich alle bald Cyborgs?

Was ist ein Cyborg? Eine Frage für Philosophen

Neil Harbisson sieht die Welt in Graustufen. Er ist farbenblind. Als modisch und künstlerisch orientierter Mensch kleidete er sich deswegen früher nur in Schwarz und Weiß. Heute muss er das nicht mehr. Heute zieht er sich so an, dass es gut klingt, wie er in einem TED Talk verriet. Harbisson ist nämlich ein Cyborg. Eine Antenne beugt sich über seinen Kopf, die direkt in seinen Schädel implantiert ist. Das Bild erinnert ein wenig an einen menschlichen Anglerfisch – nur dass Harbisson mit seiner „Angel“ keine Beute anlockt, sondern Farben hört. Also gibt es so etwas wie Cyborgs wirklich? Was verbirgt sich hinter dem von Science Fiction umwaberten Begriff?

Der Name verbindet die englischen Wörter „cybernetic“ und „organism“ (kybernetischer Organismus). Kybernetik ist die Wissenschaft, die sich mit dem Steuern und Regeln von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen befasst. Doch das ist nur die Herleitung des Namens. Die Definition ist ungleich schwieriger.

Allgemein spricht man bei einem Cyborg von einem Wesen, das teils lebender Organismus und teils Maschine ist. Doch schaut man genauer hin, scheint diese Voraussetzung nicht auszureichen: Ein Mensch mit einem Herzschrittmacher ist ein lebender Organismus, dessen Schrittmacher – eine Maschine – Teil seines Körpers ist. Macht ihn das zu einem Cyborg? Rein von der Begrifflichkeit her, ja. Doch betrachten sich wohl nur die wenigsten Menschen mit Herzschrittmacher als Cyborg.

Die Frage, was einen Cyborg ausmacht, beschäftigt sogar Geisteswissenschaftler: So ist in den Augen von Philosoph Walther Christoph Zimmerli, ehemaliger Präsident der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, der moderne Mensch ein Wesen, das permanent mit der ihn umgebenden Technologie in Kontakt steht. Er wird so zum Teil eines Mensch-Maschinen-Komplexes – und damit zum Cyborg. Nach dieser Interpretation ist bereits jeder Mensch ein Cyborg, der nur eine Armbanduhr trägt.

Der Soziologe Dierk Spreen beantwortet die Frage differenzierter und schlägt ein Stufensystem vor. Demnach ist ein Körper, der lediglich von Technologie umgeben ist, ein „lowtech body“. Bei einem „hightech body“ geht die Technologie buchstäblich unter die Haut. Dennoch: Sowohl nach Spreens als auch Zimmerlis Definitionsvorschlägen wäre ein Mensch mit Herzschrittmacher ein Cyborg.

Nicht bloß Cyborg: Cyborg-Künstler

Wenn auch Herzschrittmacher-Träger sich nicht als Cyborgs wahrnehmen, gibt es durchaus Personen, die diese Eigenschaft öffentlich für sich beanspruchen. Neil Harbisson ist der bekannteste von ihnen. Er ist der erste, der von einer Regierung (Vereinigtes Königreich) offiziell als Cyborg anerkannt wurde. Und im Gegensatz zu jemandem mit einem Herzschrittmacher fällt er als Cyborg auf:

Seit 2004 trägt Harbisson eine Antenne auf seinem Kopf. Anfangs noch lose angebracht, unterzog er sich 2013 einer Operation, die die Antenne nun permanent mit seinem Körper verbindet. An der Spitze der Antenne sitzt eine Kamera, der „Eyeborg“.

Dieser nimmt die Farben in Harbissons Blickfeld auf, wandelt sie gemäß ihrer Lichtfrequenz in Töne um und leitet diese über seinen Schädel direkt an das Gehör weiter. Auf diese Weise kann der 34-Jährige sogar Infrarot und Ultraviolett „sehen“.

Die Antenne hat aber noch mehr Funktionen. Harbisson kann sich dank ihr sogar mit dem Internet verbinden und so – akustisch übersetzt – Bild-, Video- und Tondateien empfangen. Al Jazeera sendete live, wie der Cyborg das weltweit erste Bild, das in einen Schädel gesendet wurde, emfping. Es handelte sich um ein Selfie, welches Harbisson als ein Gesicht erkannte. Er kann außerdem mit der Antenne telefonieren.

Durch den Eyeborg hat Harbisson nicht bloß seine Wahrnehmung erweitert, sondern auch sein künstlerisches Spektrum. Der studierte Pianist und Komponist setzt die Klänge seiner Antenne nämlich auf vielfältige Weise ein, um Musik zu erzeugen. Damit wurde er zum ersten Cyborg-Künstler.

Mit seinem Wirken fungierte Harbisson als Inspiration und Wegbereiter für weitere Cyborgs und Cyborg-Künstler. So implantierte sich etwa seine Freundin aus Kindertagen, Moon Ribas, einen Empfänger für seismische Daten über dem Ellenbogen. Dieser vibriert jedes Mal, wenn es irgendwo auf der Erde auch nur ein kleines Erdbeben gibt – was fast permanent der Fall ist. Je stärker das Beben, desto stärker die Vibration. Ribas transformiert diese Vibrationen in einen Tanz, den sie „Waiting for Earthquakes“ (Warten auf Erdbeben) nennt. Dabei steht sie auf der Bühne, wartet auf die nächste Vibration ihres Implantats und interpretiert diese als Tanz.

Cyborgism – Begründung einer neuen Subkultur

Harbisson und Ribas sind Mitbegründer der Cyborg Foundation: einer Vereinigung, die sich für die Rechte von Cyborgs einsetzt, Cyborgism als Kunstform fördert und Menschen dabei unterstützt, ebenfalls zum Cyborg zu werden. Um anderen diese Wandlung zu ermöglichen, haben die beiden Cyborg-Artisten außerdem Cyborg Nest mitbegründet: eine Firma, die aktuell an einem Implantat namens „North Sense“ arbeitet, das dem Menschen das Wahrnehmen von Magnetfeldern ermöglicht. Auf diese Weise spürt der Träger des Implantats immer, wo Norden liegt und erweitert so seinen Orientierungssinn – und damit seine Wahrnehmung.

Harbisson und Ribas geht es bei ihrer Arbeit nicht darum, die körperliche Leistungsfähigkeit von Menschen zu steigern, sondern lediglich ihre Sinne zu erweitern. „We love life, we want to sense more of it“ (Wir lieben das Leben, wir wollen mehr davon spüren) und „If we sense more, we understand more, so we respect more“ (Wenn wir mehr spüren, verstehen wir mehr und respektieren so mehr) sind Sätze, mit denen Cyborg Nest seine Philosophie ausdrückt.

Cyborgs e.V. – Cyborgism in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es eine Gruppe mit ähnlichen Zielen wie die Cyborg Foundation: Cyborgs e.V. Enno Park, Gründer des Vereins, wurde nach 22 Jahren Taubheit ein Gerät ins Innenohr transplantiert, das ihm das Hören wieder ermöglichte. Seitdem bezeichnet er sich als Cyborg. So dankbar Park für seine Heilung ist, er sieht mehr Potenzial in der Technologie in seinem Ohr. Er wünscht sich, die Funktionen des Implantats zu erweitern, sodass er zum Beispiel Ultraschall hören oder es wie ein Richtmikrofon einsetzen kann. Um diese Änderungen vorzunehmen, braucht Park die Baupläne des Geräts. Aufgrund der gesundheitlichen Risiken verweigert der Hersteller ihm diese jedoch.

Auch deshalb setzt der Programmierer sich mit seinem Verein für Cyborg-Rechte ein und schuf eine Plattform, durch die sich Interessierte miteinander vernetzen können. 2015 veranstaltete er in Düsseldorf sogar eine Cyborg-Messe – weltweit die erste ihrer Art. Dort konnten sich Cyborg-Fans Vorträge anhören, ihre erdachten Technologien vorstellen und sich mit anderen Begeisterten austauschen.

Die Besucher hatten dort sogar die Möglichkeit, selbst zum Cyborg werden – wenn sie es denn noch nicht waren. Durch einen kleinen Magneten, den sie sich in die Fingerkuppe setzen lassen konnten, soll der Cyborg magnetische Schwingungen wahrnehmen können. Außerdem ließ sich Park selbst auf der Bühne einen Chip unter die Haut pflanzen, mit dem er zum Beispiel sein Smartphone entsperren kann.

Hier wird deutlich, dass sich die Denkweise von Cyborgs e.V. und der Cyborg Foundation unterscheidet. Während Parks Chip einen rein funktionellen Zweck erfüllt, verfolgt die Cyborg Foundation eher einen künstlerisch-spirituellen Ansatz, mehr im Einklang mit der Erde zu leben. Es gibt also jetzt schon unterschiedliche Ausrichtungen des Cyborgisms.

 

Der mechanische Traum – 100 Prozent Cyborg

Ein besonders ehrgeiziger Anhänger des Cyborgisms ist der amerikanische Software-Entwickler Tim Cannon. Er ist Mitbegründer des Biotechnologie-Unternehmens „Grindhouse Wetware“, das Technologien entwickelt, um die Fähigkeiten des menschlichen Körpers zu steigern.

Cannons Vision für sich selbst: eines Tages nur noch aus technologischen Komponenten zu bestehen. Zurzeit befinden sich mehrere Implantate unter seiner Haut. Darunter auch Grindhouse Wetwares „Northstar“, der Cannons biomedizinische Daten – unter anderem Körpertemperatur und Herzschlag – permanent aufzeichnet und an sein Smartphone weitergibt.

Wie wird Cyborgism unsere Gesellschaft beeinflussen?

Mag ein Chip zum Entsperren eines Smartphones auch zunächst wie eine Spielerei wirken, verbirgt sich hier doch einiges an Potenzial für die Zukunft. Dass ein solcher implantierter Chip eines Tages zu unserer Identifikation dient und wir ihn zum Bezahlen benutzen, scheint nicht unrealistisch. Und Harbissons „integriertes Telefon“ könnte womöglich einmal unsere Kommunikationswege revolutionieren.

Natürlich suchen auch öffentliche Einrichtungen nach Möglichkeiten, technische Geräte mit dem menschlichen Körper zu verbinden – allerdings eher unter einem medizinischen Aspekt, als mit der Mentalität des Cyborgisms. Zum Beispiel arbeitet die University of Wisconsin-Madison an der „Smart Skin“, einem dem Northstar ähnlichen Gerät. Dabei handelt es sich um einen kleinen flexiblen, integrierten Schaltkreis unter der Haut, der wie Northstar Vitalzeichen aufzeichnet. Diese Erfindung könnte in einem Krankenhaus oder einer anderen Pflegeeinrichtung äußerst nützlich sein und die Krankenakte der Zukunft viel ausführlicher und genauer machen. Ein Arzt könnte so direkt bei der Ankunft eines Patienten dessen Implantat auslesen und schneller mit der Behandlung beginnen.

Auch in Australien befindet sich ein hochinteressantes Gerät in der Entwicklung: Ein Forschungsteam an der Monash University arbeitet an einem bionischen Auge, das bis zu 85 Prozent aller klinisch Blinden dabei helfen können soll, wieder zu sehen. Dazu trägt der Patient eine Brille mit einer kleinen Kamera. Ein Sensor, der die Augen beobachtet, richtet die Kamera nach der Blickrichtung aus. Die Brille verarbeitet die aufgenommenen Bilder und gibt sie an einen im Gehirn implantierten Chip weiter. Dieser leitet die Informationen an den visuellen Kortex weiter, wo sie vom Gehirn als Bilder interpretiert werden.

Einen großen Schritt weiter geht Professor Jonathan Wallis, Hirnforscher an der UC Berkeley. Ihm ist es mit seinem Team gelungen, Entscheidungsprozesse bei Makaken, einer Affenart, zu messen. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass, wenn es möglich ist, Entscheidungen zu messen, es auch möglich ist, sie zu beeinflussen. Wallis kann sich vorstellen, ein solches Implantat zum Beispiel zur Behandlung von Süchtigen einzusetzen. Das Gerät könnte feststellen, wann der Süchtige zu seinem Suchtmittel greifen möchte und ihm dann einen Impuls versetzen, sich dagegen zu entscheiden.

Cyborgs werfen ethische Fragen auf

Dieses von Wallis beschriebene Szenario wirft ethische Fragen auf: Ein Gerät, das Entscheidungen beeinflusst, beschneidet das Recht auf freie Entscheidungen und einen freien Willen. Es ist fraglich, ob solch ein Gerät jemals bei einem Menschen eingesetzt werden darf – von den Möglichkeiten des Missbrauchs ganz abgesehen.

Doch auch bei weniger drastischen „Cyborg-Operationen“ müssen Ärzte moralisch bewerten: Wie gefährlich ist der Eingriff? Steht das Risiko einer Operation in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen? Harbisson musste lange suchen, bis er einen Chirurgen fand, der ihn letztendlich anonym operierte. Die meisten Ärzte und Kliniken hatten sein Gesuch abgelehnt. Sie bewerteten seine Farbenblindheit als nicht ausreichenden Grund für eine solche Operation. Park hingegen hatte zwar weniger Probleme, seinen Eingriff vornehmen zu lassen, die Baupläne für sein Implantat bekommt er allerdings nicht. Der Hersteller könne Parks Gesundheit nicht garantieren, wenn er selbst Veränderungen an dem Gerät vornimmt.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Gefahr, dass durch medizinisch nicht notwendige Implantate eine Zweiklassengesellschaft entsteht. Da Versicherungen solche Eingriffe in der Regel nicht finanzieren, könnten sich nur wohlhabende Menschen ein „Upgrade“ leisten. Arm und reich würden auf diese Weise noch weiter auseinanderrücken. Ein Szenario, das an den Anime-Klassiker „Ghost in the Shell“ erinnert. Der Film zeigt eine Geschichte im Jahr 2029, als normale Menschen schon lange das Nachsehen gegenüber den körperlich und kognitiv aufgerüsteten Hybrid-Menschen haben.

Fazit

Technologische Innovationen verändern unsere Gesellschaft kontinuierlich. Intelligente Bots und virtuelle Realität könnten die nächsten einschneidenden Neuerungen sein. Angesichts des rasanten Entwicklungsfortschritts scheint es nicht ausgeschlossen, dass Cyborgs in einer nicht ganz so fernen Zukunft völlig normal sind. Harbisson und die anderen Cyborgs schaffen jedenfalls jetzt schon Bewusstsein für Fragen, die früher oder später unausweichlich auf uns zukommen werden.


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