ZEIT-Gefühl


Von der Magie des Weglassens

Als wir vor gut einem Jahr das erste Mal zu Gesprächen nach Hamburg fuhren, war uns natürlich nicht klar, was da auf uns zu kommt: Die größte Wochenzeitung Deutschlands, erfolgsverwöhnt und anspruchsvoll, will auf einem völlig neuen Medium ihr Lead Produkt portieren – die gedruckte Zeitung. Zudem eine Marke, die einige von uns schon sehr lange begleitet.

Als es los ging, stand erst einmal nicht die Aufgabe eine App zu realisieren im Zentrum, sondern ein, nennen wir es “heterogenes” Team aus Journalisten mit Print- und Online-Hintergrund, eine ambitionierte Art-Direktion und den Verlag in einer Konzeptionsphase zusammen zu bringen. Es hat geklappt, wie wir jetzt wissen und das mit sehr einfachen Methoden. Keine hochtrabenden und wissenschaftlichen Prozesse, sondern gesunder Menschenverstand und die geballte Ladung an Motivation eines jeden Einzelnen auf der Seite des Kunden. So etwas hatten wir bis dahin selten erlebt: Alle im Konzeptteam brannten förmlich für das Projekt, niemand saß nur dabei oder betrieb politische Spielchen.

Der Fortschritt im Konzept wurde nicht dokumentiert, sondern visualisiert.

Niemand musste sich etwas vorstellen, denn alles war schon da – wenn auch nur als Grafik oder Animation in Keynote. Der Effekt war, jeder hatte die gleichen Bedingungen Ideen zu bewerten, niemand mit mehr Hintergrundwissen oder Erfahrung, konnte sich mehr vorstellen. Wer weiß, wie komplex und individuell in jeder Woche die gedruckte ZEIT hergestellt wird, kann ermessen, welche Anforderungen an Freiheit in der Produktion auch für die Ausgabe als iPad-App notwendig sind, um eine ähnliche Qualität zu erreichen.

Auch wenn das Team aus Onlinern und Printlern bestand: Wir haben eine App konzipiert, die mehr ist als die Verbindung von Online und Print. Wir haben die Zeitung genommen und uns gefragt, wie liest man so eine Zeitung am besten auf einem iPad. Herausgekommen ist eine App, mit dem Wesentlichen, einem Anfang und einem Ende und mit ein wenig Magie, die im Weglassen und nicht in der Featureitis liegt.

Die Leitidee ist Reduktion.

Wir haben viele Apps gesehen, die gute Inhalte durch eine Flut von Funktionen in den Hintergrund gedrückt haben. Und obwohl wir mit dieser Maxime gestartet sind, musste sich das gesamte Team immer wieder auf die Finger hauen und noch etwas mehr weglassen. Das Lesen einer Zeitung ist völlig “untechnisch”. Daher haben wir Funktionen nicht zu “toolig” werden lassen: Die Funktion tritt zurück und wird Teil des Ganzen, wie beispielsweise das Inhaltsverzeichnis über jeder Seite ein Stück Leseerlebnis ist und keine Funktion mit Apples üblichen Schattenkanten. So ein Detail lernt man nicht in einhundert Jahren online, sondern nur, wenn man mit Menschen arbeitet, die jede Woche eine Printzeitung herstellen.

Jeder kann die App verwenden.

Denn sie kann mit zwei Bewegungen des Fingers gelesen werden. Nach rechts wischen zeigt den nächsten Artikel. Nach unten wischen zeigt den gesamten Text. Alle anderen Möglichkeiten sind optional und im Prinzip unwichtig.

Wenn man eine Ausgabe der ZEIT-App gelesen hat, ist man fertig. Die ZEIT-App ist das digitale Ebenbild der gedruckten ZEIT. Ein geschlossenes Produkt mit Anfang und Ende, das einmal die Woche erscheint. Die App ist damit keine Website zum Mitnehmen oder Mitmachen, sondern die ZEIT auf dem iPad. Nicht mehr und nicht weniger.

Zum Glück gibt es Webfonts und HTML5.

Denn wie kann man etwas perfekt Gestaltetes, wie die ZEIT digital so umsetzen, dass es nicht wie eine Website aussieht? Die Antwort ist: Mit perfekter Typografie und sehr sparsamen grafischen Elementen. An jeder Stelle der App sieht, spürt und erlebt man die Marke ZEIT. Doch neben der Typografie lebt die ZEIT von wöchentlichen Einfällen ihrer ADs und Layouter. Preisgekröntes Storytelling musste also übersetzt werden für ein kleines Display, auf dem man mit seinen Fingern rumwischt. Die Idee: Oft passiert alles in solider, grafischer Qualität automatisch – bei über 100 Artikeln pro Woche eine notwendige Funktion des Systems. Aber immer, wenn es drauf ankommt, können die Layouter der ZEIT ihre gewohnte Umgebung nutzen (InDesign) und die so gestalteten Ergebnisse in den App-Produktionsablauf einfließen lassen. Zwar gibt es viele Systeme, die iPad Apps mit Ausgaben bestücken und InDesign Workflows abbilden. Aber wenige haben es geschafft, diese mit modernen HTML5 basierten Templates zu kombinieren, um die Dateigröße zu reduzieren. Die ZEIT-App ist meistens unter 100 MB klein UND perfekt gestaltet. Hier hat uns censhare aus München tatkräftig unterstützt.

Wir haben uns ZEIT Leser angesehen und gemerkt, viele nehmen das erste Buch und drehen es, um sich erst einmal mit Hilfe des Inhaltsverzeichnisses zu orientieren. Manche streichen sich an, was sie lesen wollen, da nur die wenigsten in der Lage sind, alle Artikel einer Woche durchzuarbeiten. Genau das haben wir berücksichtigt und in die App eingebaut. Um sich seine eigene Leseliste zusammenzustellen, haben wir “Meine ZEIT” erfunden. Eine persönliche ZEIT, die man sich nach ein paar Klicks zusammengestellt hat und schon nach einer Woche nicht mehr missen will. Sie bleibt sogar erhalten, wenn die Ausgabe schon viele Wochen zurückliegt und dient so zudem als eigenes Archiv.

Viele Medienmarken nutzen intensive Videoformate und Fotostrecken auf dem iPad. Bei der App der ZEIT gibt es nur dann ein Video, wenn der Artikel aus redaktionellen Gründen danach schreit. Nur, weil es ein Video oder noch mehr Fotos gibt, werden sie noch lange nicht in der App verwendet.

Lesen steht im Vordergrund.

Denn die ZEIT ist voller Inhalte, die auch ohne Video in einer Woche kaum zu schaffen sind. Gleiches gilt für Interaktivität: Es gibt die Deutschlandkarte, die Spiele, Heute & Damals und andere interaktive Elemente. Jedoch sind sie allesamt nah an ihren Vorbildern in der gedruckten Version. Es gibt kein Multimedia, “weil es geht”.

Im Video sagt Giovanni di Lorenzo, die ZEIT sei das Ufer an einem Fluss der Nachrichten, ein Ufer, die Woche einzuordnen und inne zu halten. Genau dieses Erlebnis haben wir auf ein digitales Gerät transferiert.

Oder, wie einer aus dem Team sagte: Alles, was wir bisher digital gesehen haben, sind Kutschen mit Motor, das erste Auto ist das iPad mit der ZEIT-App.

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