„Hey ChatGPT! Stimmt das, was die Agentur sagt?“
Wenn Künstliche Intelligenz vertrauenswürdiger wird als echte Intelligenz
Die Perspektive der Gen Z im Content Marketing. Eine Kolumne von Laura Moltzahn.
Nicht umsonst ist „Chat Tschibidi“ das Boomerwort des Jahres 2026. Denn egal, in welches Unternehmen du gerade hineinhörst, die Chefetage ist ein rundum begeisterter Fan von ChatGPT und anderen KI-Tools. Und das ist mittlerweile auch bei unseren Kund:innen spürbar. So effizient KI-Antworten auch sein mögen – mich interessiert vor allem, was du als Kund:in zu sagen hast. Nicht, was die KI denkt.
Willkommen in einer Welt, in der das Selberdenken immer anstrengender wird
Ich öffne das Feedback-Dokument, doch statt der Kommentare meines Ansprechpartners, starrt mir ein anderer Satz entgegen: „Ich hab das mal in ChatGPT gegeben. Der sagt dazu Folgendes …“ Ja, ich könnte jetzt damit anfangen, wie viel Verständnis ich für diese neue Entwicklung habe. Stressige Arbeitstage, sich türmende To-dos … da wäre es doch am einfachsten, die Verantwortung abzugeben, oder? Am besten an einen echten Marketingexperten, der Texte, Designs oder sogar ganze Websites im Handumdrehen für dich erstellt. Dieses Verständnis fehlt mir allerdings in Teilen. Denn dieser allwissende Experte, für den ihn viele halten, ist ChatGPT nicht.
Die wahren Profis sitzen in unserer Agentur. Und diese werden mittlerweile täglich mit lieblosem, KI-generiertem Kundenfeedback unter Beschuss genommen. Ob Website-Layout, der sogenannte SEO-Text oder Social-Media-Idee – ChatGPT stellt als neues Mitglied der Chefetage jegliche professionelle Entscheidung infrage. Auch ich bekomme statt einem „Danke für den Textvorschlag, ich finde …“ immer häufiger eine KI-Antwort zurück.
Warum vertrauen wir künstlicher Intelligenz mehr als echter Intelligenz?
Ich denke, der offensichtlichste Grund ist das Geld. Wer ChatGPT für sich arbeiten lässt, spart Ressourcen, die Zeit und Anzahl seiner Mitarbeiter:innen. Böse Zungen (ich natürlich nicht) würden vielleicht auch von Bequemlichkeit sprechen. Die KI zu fragen, geht schließlich tausendmal einfacher und schneller, als sich mit einer Agentur auszutauschen. Fakt ist schließlich, dass ChatGPT über einen riesigen Wissensschatz verfügt, den sich viele auf möglichst einfache Art und Weise zunutze machen wollen – und können.
In einer Feedbackkultur, in der immer nur bemängelt und über Formulierungen gestritten wird, in der auf eine V1 eine V2, eine V3 bis zur V6 folgt, haben wir einen neuen Höhepunkt erreicht: KI-generiertes Feedback. Das Problem ist nicht, dass Kund:innen ChatGPT nutzen. Das Problem beginnt, wenn sie ChatGPT als Autorität nutzen, um eigene Entscheidungen, Unsicherheiten oder Verantwortung auszulagern.
Schade, ChatGPT ist gar kein Experte, es klingt nur manchmal so
… und verkompliziert dir im schlimmsten Fall die Beziehung zu deiner Agentur.
Ja, ich mache reinen Tisch: Wir nutzen KI auch. Um zu einer besseren Version unserer selbst zu werden, sozusagen. Aber mit Know-how und gezieltem Einsatz. Und mit folgenden Punkten im Hinterkopf:
1. Faktisch weiß ChatGPT gar nichts
Weder über euch als Marke noch über euer Produkt. Gut, das lässt sich auch mal eben schnell prompten. Doch am Ende generiert das Tool einfach nur eine ganze Menge Buchstaben, setzt sie in eine sinnvolle Reihenfolge und sagt dann: Das wird schon so stimmen. Oft können dabei wirklich inspirierende, stichhaltige Ergebnisse herauskommen. Genauso oft aber auch nicht. Und noch wichtiger: Wenige können einschätzen, was das eine und was das andere ist.
2. ChatGPT findet immer Verbesserungspotenzial
Hast du das schon mal erlebt, dass ChatGPT deinen Vorschlag richtig gut fand und keine einzige Verbesserungsidee hatte? Ich auch nicht. Das Tool ist nämlich absichtlich so programmiert, dass es immer wieder etwas zu meckern findet und deinen Text, deine Website, dein Bild bis in die Unendlichkeit durchoptimiert – wenn du es lässt. Kund:innen, die unsere Arbeit in das Tool geben, sind dann entrüstet, wenn ChatGPT einen anderen Vorschlag hat als wir. Dieser Vorschlag ist oft jedoch keine fundierte Idee, sondern einfach eine an den Haaren herbeigezogene Antwort auf den Prompt.
3. ChatGPT ist von gestern
Nee, wirklich. Das Tool ist an bereits existierenden, teilweise veralteten Daten trainiert – wenn das LLM nicht grounded. Manchmal kann eine Websuche hier helfen (Stichwort Grounding Pages – wir sind eure Ansprechpartner:innen). Die KI kennt daher aber eben auch nur das, was es schon mal gab. Besonders innovativ oder kreativ wird es also nur bis zu einem gewissen Grad.
Und wer garantiert euch eigentlich, dass ChatGPT euch nicht dieselbe Strategie, dieselbe Wortwahl oder dasselbe Design vorschlägt wie hundert weiteren Marken? Das ist gar nicht so weit hergeholt, da die KI mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet. Wer da nicht die richtigen Leute mit Erfahrung an seiner Seite hat, verschwindet so ganz schnell im Einheitsbrei des Internets.
Wenn ihr mich fragen würdet …
… gehören ChatGPT und Co. nicht verteufelt, aber auf jeden Fall hinterfragt. Setzt euch doch mal hin und überlegt, ob ihr die Zukunft eures Unternehmens wirklich in die Hände eines KI-Tools geben wollt – oder in die erfahrener Expert:innen. Klar, kann ChatGPT entlasten. Wir nutzen KI mittlerweile täglich, um lästige Arbeit abzugeben oder Abläufe zu erleichtern. Aber eben nicht, wenn es ums Kreative geht. Das können wir selbst immer noch am besten.