DIE WERBEN-OHNE-ZU-NERVEN-TALKS #1

KI-Kontext, Kuratieren und Creative Director: Welche neuen Anforderungen braucht Marketing 2026?

KI produziert alles. Aber wer entscheidet, was davon taugt?

 Jens Hurling und Dirk Beckmann im Gespräch
Jens Hurling und Dirk Beckmann

Vor Kurzem galt das Problem der Suchmaschinenoptimierung als intellektuell gelöst. Alles dokumentiert, alles bekannt. Die einzige Hürde: Jemand musste es umsetzen. Texte schreiben, Bilder produzieren, Varianten testen. Dann kam generative KI – und diese Hürde fiel.

Heute erzeugst du auf Knopfdruck Hunderte Artikel. Performance-Marketing feuert 100 Anzeigen-Versionen gleichzeitig raus. Bild und Video rücken nach. Die operative Produktion ist kein Engpass mehr. Sichtbarkeit entsteht also nicht mehr dadurch, dass du etwas machst. Früher reichte ein Text, um mit einem Thema assoziiert zu werden. Was das für Menschen bedeutet, die im Marketing arbeiten, erfährst du hier.

Onlinemarketing erlebt 3 Revolutionen gleichzeitig

Die Lage ist komplexer, als die meisten wahrhaben wollen. KI verändert Marketing auf drei Ebenen gleichzeitig:

  1. KI als Produktionsmittel: Content entsteht schneller, billiger, in größerer Menge. Hundert Creative-Varianten? Kein Problem. Dreißig Blogartikel in einer Stunde? Machbar.
  2. KI als Gatekeeper: Nicht mehr nur Google entscheidet über Sichtbarkeit. ChatGPT, Gemini und Co. kuratieren Antworten – wer dort nicht vorkommt, existiert für viele nicht.
  3. KI als Spiegel: Ohne klare Identität produziert die Maschine beliebigen Content. Sie verstärkt, was da ist. Wenn nichts da ist, kommt nichts.

Die operative Hürde ist gefallen. Wer jetzt noch glaubt, Menge schaffe Sichtbarkeit, produziert digitales Rauschen.

Hilfe durch KI: Kontext schlägt Prompt

Über 60 Prozent der Firmen sagen: Wir nutzen KI. Fragt man nach Erfolg, wird es still. Die Enttäuschung kommt schnell, wenn du ohne Kontext in ein Tool tippst und auf brauchbare Ergebnisse hoffst. Es ist wie Samen auf Beton werfen – und sich dann wundern, dass nichts wächst.

Der wichtigste Hebel ist der bessere Kontext – nicht der bessere Prompt.

Gibst du der KI ein Strategiepapier, eine Markenpositionierung, eine Tonalität – bekommst du plötzlich Ergebnisse, die sich anfühlen, als verstünde jemand deine Marke. Daraus lässt sich sogar ein Designbriefing ableiten, obwohl kein Wort über Design drinsteht. Weil Ton da ist, Haltung, Richtung.

Klingt simpel. Die Realität zeigt: Viele Marketingabteilungen wissen es nicht. Zwei, drei Leute für einen weltweit agierenden Mittelständler, die haben keine drei Wochen Zeit für KI-Experimente. Also tippen sie etwas in ChatGPT, bekommen generischen Output – und schließen daraus, KI funktioniere nicht. Der Fehler liegt nicht beim Tool, sondern bei der Marke, die sich selbst nicht kennt.

Der wichtigste Kontext, den wir Kunden geben, ist ein Strategiepapier. Wenn ich das habe, versteht die KI mich schon ganz anders.

– Dirk Beckmann

Reden ist der stärkste Input für gute Kommunikation

Noch wirksamer als jedes Strategiepapier ist etwas, das jeder kann: reden. Meeting Notes aufnehmen, laut denken, assoziieren – klingt nach Zeitverschwendung. Ist aber einer der stärksten KI-Inputs überhaupt. Im Gespräch entstehen unerwartete Gedanken, persönliche Perspektiven, impulsive Verknüpfungen. Das erzeugt eine KI allein nicht.

Ein Beispiel: Für einen Pitch nimmt ein Team ein Meeting auf. Die Notizen fließen als Kontext in eine Bild-KI. Das Ergebnis übertrifft alles, was ein generischer Prompt liefert – weil der Kontext aus einem echten Gespräch stammt. Die Kundin sagt, sie habe noch nie so treffende KI-Bilder gesehen.

Das Gespräch zwischen zwei Menschen ist die Master-Funktion, die wir KI voraushaben.

– Jens Hurling

Wer laut denkt, liefert der KI nicht nur Fakten, sondern Tonalität, Emotion und Prioritäten. Daraus entsteht Content, der nach Mensch klingt – weil Mensch drin steckt.

Taste: Geschmack wird 2026 im Marketing unverzichtbar

Wenn jetzt alle alles produzieren können – wer entscheidet dann, was taugt? Die Antwort ist altmodisch – und gerade deshalb aktuell: Geschmack. Oder besser: Taste. Das englische Wort trägt eine andere Konnotation. Geschmack klingt nach beliebiger Vorliebe, nach „Darüber lässt sich nicht streiten“. Taste klingt nach Autorität und ist auch ein wenig so gemeint: „Ich habe mich so lange mit etwas beschäftigt, dass ich beurteilen kann, ob es funktioniert.“

Eine gute Fotografie erkennst du. Einen guten Text spürst du – die Proportionen stimmen, der Rhythmus passt. Das lässt sich nicht quantifizieren. Aber es ist real. Taste kommt aus dem Können. Wer sich jahrelang mit Design, Text oder Video beschäftigt, entwickelt eine autorisierte Einschätzung. Die berühmten 10.000 Stunden als echte Qualifikation. Das wird zum Unterschied, wenn die Welt vor KI-Content überquillt. Die Leistung liegt im Kuratieren, nicht im Herstellen. Zu sagen: Das nehmen wir. Das nicht. Das passt zur Marke. Das ist generisch.

Ein erfahrener Social-Media-Konzepter weiß, welche Inhalte wahrscheinlich funktionieren – bevor er testet. Er filtert vor, statt alles durchzutesten. Das spart Budget und liefert bessere Ergebnisse.

– Jens Hurling

Der Creative Director ist zurück

Jahrelang hat die Plattform-Logik von Meta, TikTok und LinkedIn den klassischen Creative Director verdrängt. Warum jemanden fragen, der behauptet, etwas sei gut, wenn du 15 Varianten testen und die beste Click-Through-Rate nehmen kannst?

Doch dieses Modell stößt an Grenzen. Wenn KI auf Knopfdruck tausend Varianten erzeugt, braucht es jemanden, der vorfiltert. Der sagt: Diese drei testen wir – den Rest nicht. Das ist kuratierter Geschmack, gestützt auf Erfahrung und Strategie.

Die Konsequenz reicht weiter. Jeder, der kreative Arbeit umsetzt – Texte, Anzeigen, Videos –, braucht mehr CD-Qualitäten. Das heißt: beschreiben können, was am Ende rauskommen soll. Eine Vision haben, nicht nur operativ abarbeiten.

Rein operative Handarbeit wird verschwinden. Alle müssen Architekten werden – Creative Directors für ihre eigene Disziplin.

– Dirk Beckmann

Marketingstrategie: Dein Fußabdruck braucht einen roten Faden

Ohne klare Identität und einen digitalen Fußabdruck aus einem Guss wirst du in der KI-Zeit nicht wahrgenommen. Weder von Menschen noch von den KI-Systemen, die entscheiden, welche Marke in einer Antwort auftaucht.

Das Problem im Mittelstand: Marketing, PR und Vertrieb arbeiten oft nebeneinanderher, obwohl sie die gleichen Ziele verfolgen. Die Marketingabteilung postet auf LinkedIn, der Vertrieb erzählt auf Messen etwas anderes, die PR schickt Pressemitteilungen mit eigenem Wording raus. Drei Abteilungen, drei Sprachen, kein roter Faden.

Die KI-Revolution zwingt dazu, diesen Fußabdruck zu vereinheitlichen. Jeder Touchpoint zahlt auf dieselbe Strategie ein – oder er schadet. Dafür braucht es keine neuen Tools – sondern alle Kommunikations-Stakeholder an einem Tisch: Social Media, Vertrieb, Messe, PR.

Wir müssen zusammen auf die Reise gehen. Die ganze Firma und natürlich auch die Kunden. Weil wir sonst keine Chance haben.

– Dirk Beckmann

Messbarkeit: Schwieriger, aber nicht unmöglich

SEO war einmal ein klarer Performance-Kanal. Rankings, Klicks, Conversion Rates – alles berechenbar. Heute ist eine Erwähnung im AI-Mode von Google eher mit einem Banner vergleichbar als mit einem messbaren Klick. Aus Performance wird Brand. Die klassische Ursache-Wirkungs-Messung der letzten 15 Jahre wird unklarer. Weniger eindeutig.

Aber Messbarkeit ist nicht tot. Sie erfordert Fingerspitzengefühl. Sinkt der Leadpreis, während organische Maßnahmen laufen? Steigen Anfragen, seit die Marke konsistent auftritt? Das sind Korrelationen, keine Kausalbeweise. Aber sie reichen für Entscheidungen. Am Ende bleibt das Ziel bestehen: Werden Kunden gewonnen – ja oder nein? Der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg liegt oft darin, eine Markenstrategie durchzuhalten. Nicht nach drei Monaten umzuwerfen.

Fazit, in 6 Punkten:

  1. Produktion ist kein Wettbewerbsvorteil mehr – was zählt, ist die Frage warum, nicht wie.
  2. Kontext schlägt Prompt: Wer seiner KI eine Strategie gibt, bekommt bessere Ergebnisse als jeder Prompt-Hack.
  3. Gespräche sind Gold. Laut denken, aufnehmen, verarbeiten – der stärkste Input für jede KI.
  4. Kuratieren statt Produzieren ist die neue Kernkompetenz.
  5. Ohne klare Markenidentität kein Fußabdruck, keine Sichtbarkeit.
  6. Die alte Ursache-Wirkungs-Welt kommt nicht zurück. Neue Metriken erfordern Gespür.

Lass uns über Sichtbarkeit in KI reden!