Mehr Twin Peaks, weniger Sitcom: Warum Marketing wieder mehr Spannung braucht
Über saubere Posts, tote Ideen und die Frage, wo Marke eigentlich beginnt.
Da sitzt man vor dem Bildschirm. Alles funktioniert. Jeder Satz sitzt. Jedes Bild glänzt. Jede Headline könnte sofort raus. Kein Stolpern. Kein Risiko. Kein „Moment mal, was passiert hier gerade?".
Und genau da beginnt das Problem. Denn irgendwo zwischen dem vierten makellosen Visual und der fünften perfekt austarierten Headline meldet sich dieses Gefühl. Erst leise, dann ziemlich deutlich: Hier stimmt etwas nicht.
Nicht, weil die Arbeit schlecht wäre. Im Gegenteil. Sie ist gut. Vielleicht sogar sehr gut. Aber sie ist auch leer. Glatt. Austauschbar. Sie sieht aus wie Marketing, klingt wie Marketing und fühlt sich an wie Marketing. Und genau daran krankt die Branche.
Wenn alle gut sind, verliert gut seinen Wert
KI kann heute viel. In zwei Jahren wird sie vermutlich noch mehr von dem übernehmen, was wir heute „kreative Arbeit" nennen. Texte funktionieren. Bilder funktionieren. Videos werden in zwei, drei Jahren Standard sein.
Das eigentliche Problem liegt nicht in der Qualität. Es liegt in der Gleichförmigkeit. Alles sieht gut aus. Alles klingt richtig. Alles erfüllt die formalen Erwartungen. Vieles fühlt sich aber an wie derselbe weichgeleuchtete Brei aus kompetentem Content. Kein Satz bleibt hängen. Kein Gedanke sticht. Keine Idee steht quer genug im Raum, um beim Scrollen kurz darüber zu stolpern.
Das ist kein Angriff auf gutes Handwerk. Handwerk bleibt wichtig. Aber Handwerk allein reicht nicht mehr. Wenn jedes Unternehmen saubere Posts, hübsche Visuals und korrekte Botschaften produzieren kann, entsteht daraus kein Unterschied mehr. Dann entsteht Tapete. Und Tapete nimmt man selten bewusst wahr.
Viele arbeiten längst wie Maschinen
Das klingt hart. Aber es beschreibt einen Reflex, den man in fast jeder Branche beobachten kann. Viele Menschen bauen auf dem auf, was sie bereits kennen. Sie schauen nach links. Sie schauen nach rechts. Dann entwickeln sie etwas, das irgendwo dazwischen liegt. Ein bisschen besser. Ein bisschen neuer. Ein bisschen schöner. Aber selten wirklich anders.
Das hat nicht zwingend mit fehlendem Talent zu tun. Es hat mit Anpassung zu tun. Mit dem Wunsch, kompatibel zu bleiben. Nicht zu weit aus der Spur zu geraten. Nicht plötzlich allein auf der Gegenfahrbahn zu stehen, während alle anderen brav im Konvoi weiterrollen.
So entsteht Branchenklang. Diese Mischung aus vertrauten Bildern, bekannten Formulierungen und harmlosen Botschaften. Niemand macht etwas komplett falsch. Aber kaum jemand macht etwas, das wirklich etwas auslöst.
Gute Ideen sterben selten dramatisch. Sie sterben im Kommentarthread.
Originalität ist kein Upgrade
Viele Unternehmen suchen nach besseren Versionen des Bekannten. Nach effizienteren Prozessen. Nach optimierten Formaten. Nach Varianten, die noch etwas sauberer, schneller oder präziser funktionieren.
Originalität entsteht selten aus Optimierung. Sie entsteht, wenn jemand die Spur verlässt. Nicht unbedingt, weil es auf der Strategiefolie am sinnvollsten aussieht. Sondern weil sich dieser Schritt in genau diesem Moment richtig anfühlt. Vielleicht unvernünftig. Vielleicht riskant. Aber lebendig.
Ein guter Einfall hat oft etwas von einem Kurzschluss. Man denkt bei A los und landet plötzlich bei Z. Ohne sauberen Umweg. Ohne perfekte Herleitung. Ohne Präsentation mit drei Alternativrouten für das nächste Abstimmungsmeeting.
Da ist nur dieser kurze elektrische Moment: Eine Idee taucht auf und fühlt sich an wie ein kleiner Schlag. Genau so eine Idee streicht man oft im zweiten Gedanken wieder raus. Und genau da sollte man vorsichtig werden. Denn sehr oft sitzt dort der Kern.
Warum KI diesen Sprung nicht schafft
KI bleibt in der Kette. Sie nimmt, was vorhanden ist. Sie erkennt Muster. Sie gewichtet Wahrscheinlichkeiten. Sie erzeugt daraus eine sehr gute Version von etwas, das es in ähnlicher Form bereits gibt. Das ist beeindruckend. Aber es ist selten originell.
KI fehlt etwas, das Menschen haben: die Fähigkeit zur produktiven Irrationalität. Dieser Moment, in dem jemand mitten im Prozess sagt: „Ich weiß, dass das gerade nicht vollständig logisch wirkt. Aber genau deshalb mache ich es."
KI hat kein Bauchgefühl. Kein Trotz. Kein inneres Drängen. Keine Lust, einen Raum kurz unbequem zu machen. Sie arbeitet mit Trainingsdaten, also mit einer sortierten Erinnerung an das, was Menschen schon gedacht, geschrieben, gestaltet, gefilmt und veröffentlicht haben.
Daraus entstehen hilfreiche Vorschläge. Oft sogar sehr gute. Aber sie tragen die Verlässlichkeit eines freundlichen Sachbearbeiters in sich, der nie die Hand hebt und sagt: „Was wäre, wenn wir das komplett anders machen?" Menschen können das. Menschen können Ideen in die Welt drücken, nach denen niemand gefragt hat.
Warum sich Originalität am Anfang oft falsch anfühlt
Das ist der unbequeme Teil: Wenn eine Idee sofort logisch wirkt, ist sie meistens nicht besonders originell. Originalität kommt selten aufgeräumt zur Tür herein. Sie stolpert. Sie piekst. Sie wirkt im ersten Moment zu laut, zu leise, zu seltsam, zu groß oder zu klein. Nicht passend für einen Montagmorgen, 10 Uhr, Strategietermin in einem Konferenzraum, in dem auch Kekse stehen.
Deshalb stirbt sie oft früh. Sie stirbt im schnellen Kommentar einer Kollegin. Sie stirbt im Blick der Geschäftsführung, die „das so noch nie gesehen" hat. Sie stirbt nachts um drei, wenn der eigene Mut dünn wird und die sichere Variante plötzlich sehr verführerisch aussieht.
Marketing als Sitcom
Viele Kampagnen funktionieren heute wie Sitcoms. Die Claims sind sauber. Die Bilder vertraut. Die Dramaturgie vorhersehbar. Man weiß, wann der Witz kommt. Man weiß, wann es emotional werden soll. Man weiß, wie die Szene endet.
Lacher bei Punkt X. Warmes Gefühl bei Punkt Y. Logo im letzten Frame. Natürlich im korrekten Corporate-Orange. Applaus vom Band. Und fünf Minuten später ist alles wieder weg.
Das Problem liegt nicht darin, dass Sitcoms grundsätzlich schlecht sind. Sie können großartig sein. Aber ihr Prinzip ist Verlässlichkeit. Man bekommt, was man erwartet. Genau darin liegt ihr Komfort.
Markenkommunikation darf aber nicht nur Komfort liefern. Sie muss Spannung erzeugen. Sie muss einen eigenen Raum öffnen. Sie muss etwas riskieren, damit überhaupt etwas hängen bleibt.
Mehr Twin Peaks wagen
Twin Peaks interessiert sich nicht dafür, ob alle sofort mitkommen. Twin Peaks baut eine eigene Welt. Schief. Rätselhaft. Manchmal unbequem. Ein roter Raum. Ein tanzender Zwerg. Eine Kaffeetasse, die plötzlich mehr Bedeutung bekommt als ganze Expositionsszenen in anderen Serien. Eine Dunkelheit, die aus dem Unterbewussten kriecht und nicht mehr vollständig verschwindet.
Und man bleibt dran. Nicht, weil alles sofort verständlich ist. Sondern weil diese Welt eigene Regeln hat. Weil sie sich nicht anbiedert. Weil sie nicht erklärt, bevor sie wirkt. Weil sie dem Publikum zutraut, zwanzig Minuten lang nicht alles zu verstehen.
Das fühlt sich riskant an. Und ja, es ist riskant. Aber es fühlt sich auch lebendig an. Am Ende hat man viele Sitcom-Folgen längst vergessen. Twin Peaks bleibt. Nicht trotz seiner Irritationen, sondern wegen ihnen.
Perfektion macht vieles schöner. Reibung macht vieles merkbar.
Die eigentliche Aufgabe: etwas bauen, das es vorher nicht gab
Das ist der Kern kreativer Markenarbeit. Nicht noch ein Post. Nicht noch ein Video. Nicht noch ein Content Piece, das niemand wirklich braucht und das in zwei Wochen so tief im Feed liegt, dass selbst der Algorithmus es nicht mehr wiedererkennt.
Die Aufgabe lautet: eine Idee entwickeln, die quer steht. Einen Gedanken formulieren, der hängen bleibt. Ein Gefühl erzeugen, das sich nicht sofort auflösen lässt, weil es zwei Dinge gleichzeitig ist, die eigentlich nicht zusammenpassen dürften. Originalität braucht Mut. Und ein bisschen Chaos.
Man muss falsch liegen können. Man muss aushalten, dass nicht alle im Raum sofort nicken. Man muss Dinge veröffentlichen, die nicht vollständig glattgeschliffen sind. Manchmal braucht eine Idee genau diese raue Kante. Diese Kante ist später der Griff, an dem Menschen die Idee überhaupt packen können.
Die wichtigste Frage
Am Ende läuft alles auf eine einzige Frage hinaus.
Die Frage, die alles entscheidet
Hätte das auch jemand anderes machen können?
Wenn die Antwort ja lautet, hat man kein Qualitätsproblem. Man hat ein Bedeutungsproblem. Bedeutungsprobleme löst man nicht mit einer weiteren Korrekturschleife. Auch nicht mit mehr Feinschliff oder einem besseren Prompt.
In den nächsten Jahren wird genau das entscheiden, welche Marken sichtbar bleiben. Nicht die Marken, die am saubersten produzieren. Sauber kann KI ohnehin. Sondern die Marken, die den Mut haben, Dinge zu schaffen, die auf den ersten Blick nicht vollständig richtig wirken.
Ein bisschen Chaos. Etwas Trotz. Manchmal ein Funken Wahnsinn.
Und plötzlich entsteht etwas, das sich nicht austauschen lässt. Genau dort beginnt Marke.