Digitales Gedächtnis: Segen oder Fluch? | Kreativagentur für die digitale Zeit

Wie das digitale Gedächtnis unser eigenes ruiniert – und das kollektive Gedächtnis gleich mit

Digitale Speichermedien sind leistungsstark, störungsanfällig und nehmen unserem Gehirn einiges an Arbeit ab.

Sind Bilderrahmen etwas zuverlässiger als digitale Speicherungen?

Es ist so praktisch: Ganze Fotoalben, Adressbücher oder Rezeptbibliotheken sind einfach, schnell und (oft) gut sortiert abgespeichert. Ein Klick mit dem Handy und der Moment ist eingefangen, in einem Album für den Tag oder den Urlaub feinsäuberlich abgelegt. Irgendwann ist das Smartphone voll, und wir lagern zum Teil ganz automatisch in die Cloud aus oder sichern auf den heimischen Laptop. Schön und gut. Aber was geschieht, wenn diese Sicherung versagt? Für manchen Haushalt würde es Erinnerungen löschen, wie es sonst nur ein Hausbrand (oder ein Einbruchdiebstahl) schafft.

 
 

Wie komme ich dazu, mein digitales Gedächtnis anzuzweifeln?

Bei einem Spaziergang in einer Gruppe, die sich noch nicht all zu lange kannte, kommt die Idee auf, Kontaktdaten auszutauschen für ein späteres gemeinsames Projekt. Allerdings ist es kalt, die Smartphone-Akkus leer, und in einer Runde von zehn Personen konnten exakt zwei ihre eigene Telefonnummer auswendig. Der Austausch musste also verschoben werden. Dabei kam eine kurze Diskussion über unsere Gedächtnisleistung auf. Die ließ mich nicht los. Ich habe sie sogar noch vertieft, als mir jemand die Kurzfilm-Reihe Osmosis von arte empfahl. Sie zeigt die Zukunft in vier Jahren, in der unser Gedächtnis angezapft wird, um den perfekten Partner zu finden und Zeitreisen zu ermöglichen. Insgesamt hat die Geschichte die Länge eines Spielfilms, aber sie lässt sich bequem Stück für Stück in 10-minütigen Portionen schauen. Gleich in der ersten Folge (im französischen Original) werden uns auch Zeitreisen vorgestellt:

OSMOSIS SAISON 1 / EPISODE 1 from SYLVAIN RODRIGUEZ on Vimeo.

 
Diese Zeitreisen stellen sich als Aufzeichnungen von Erinnerungen heraus (aufgenommen mit etwas, das an die Google-Brille erinnert). Der Reisende durchlebt also eigentlich nur erneut seine Erinnerungen. Der Erfinder der Software schafft es im Laufe der Serie sogar, Erinnerungen zu überschreiben und zu verändern. Und diese künstlich hineinkonstruierten Informationen werden zum Teil aus Bequemlichkeit von der Masse akzeptiert.

 

Die digitale Zeit verändert uns

Die Serie spielt darauf an, dass wir uns bereits sehr stark auf unser digitales Gedächtnis verlassen. Sofort stellt sich mir die Frage:

Werden wir durch technische Entwicklungen dümmer?

Und tatsächlich geht seit Mitte der 90er der durchschnittliche IQ-Wert in den Industrienationen jedenfalls nicht mehr stetig bergauf, wie es sonst über die vergangenen Jahrhunderte der Fall war. Allerdings wurde der Anstieg u.a. immer mit besserer Ernährung, Gesundheitsversorgung und Bildung begründet, und da haben wir im Schnitt in den Industrienationen einen Level erreicht, der sich nur schwer weiter in so deutlicher Form wie bisher verbessern lässt.

Dass Mitte der 90er das Internet seinen Einzug in die Arbeits-, Wohn- und sogar Kinderzimmer begann, mag zufällig zeitgleich stattgefunden haben. Nichtsdestotrotz hat es uns und unsere „Funktionsweise“ verändert. Wir merken uns zum Beispiel die Schreibweise von selten verwendeten Begriffen nicht mehr, da wir sie (ohne Ausflug zum Bücherregal) mit wenigen Klicks nachschlagen können – oder bereits automatisch von der Autokorrektur vorgeschlagen bekommen.

 

Grammatik wird zu einem raren Fachwissen.
Ich übertreibe?

Wann haben Sie zuletzt handschriftlich eine A4-Seite ausgefüllt? Ohne Hilfsmittel wie die Autokorrektur oder die Möglichkeit über Copy-Paste kurzerhand den vorhandenen Satz komplett umzustellen. Bei solch einer Übung wird schnell spürbar wie untrainiert unsere grauen Zellen sind. Sollten Sie nun zu Zettel und Stift greifen, dann wählen Sie gleich ein Thema, dass Sie sich eventuell ganz konkret merken wollen, denn diese Übung schärft nicht nur Grammatik und Rechtschreibung sondern speichert auch den behandelten Inhalt gründlicher ab.

In der Serie Osmosis werden später nicht nur Erinnerungen korrigiert, sondern auch Lücken gefüllt. Das geschieht in guter Absicht, überfordert den vorhandenen menschlichen Speicher allerdings auf Dauer. In diesem fiktiven Szenario wird unser anfälliges Gedächtnis mit digitalen Mitteln manipuliert. Wie sich zeigt, sind aber auch die digitalen Speicher selbst nicht ohne Tücken. Wer nach ein paar Jahren einmal erfolglos auf ältere Foto-CDs oder gehortete Festplatten zugegriffen hat, weiß dass das Entmagnetisieren ein schleichender Prozess ist. Daten, die wichtig sind, sollten daher alle paar Jahre auf zeitgemäße Medien übertragen werden.

 

Wissen erhalten – und nutzen

Und wer kümmert sich um die magnetische Speicherung des Weltwissens? Klar, Wikipedia bemüht sich. Doch mal kurz hypothetisch angenommen, das Onlinelexikon würde gelöscht: Greifen wir dann wieder auf Enzyklopädien im Schrank zurück? Sofern da überhaupt noch welche vorhanden sind. Wie gut, dass in den Grundschulen noch alphabetisches Nachschlagen trainiert wird.

Andererseits machen sich in letzter Zeit immer weniger Menschen die Mühe, Fakten zu überprüfen. Frei nach dem Motto:

Was auf dem Bildschirm erscheint, wird schon stimmen.

Bei so vielen Informationen, die auf uns zuströmen, ist das natürlich der leichtere Weg. Ein Weg, der es zum Beispiel Donald Trump möglich macht, ganz andere Dinge zu tun und zu sagen als noch vor kurzer Zeit angekündigt – und damit bei seinen Anhängern nicht anzuecken. Die ursprünglich beworbenen Pläne und Projekte gehen in der Masse langsam aber stetig unter.

Wer kramt uns ältere Fakten hervor und gleicht sie ab? Wenn wir Details exakt nachvollziehen wollen, am besten wir selbst. Und wenn unser hauseigenes Gedächtnis sich immer weniger erinnert, müssen wir trainieren, die digitalen Angebote auch für solche Zwecke in Anspruch zu nehmen – und verschiedene Quellen miteinander vergleichen. Noch eine Fähigkeit, die die Grundschule übernehmen und erhalten muss?

 

Vom Spielfilm zum Kurzformat

Was dabei früher vielleicht als Science-Fiction-Spielfilm präsentiert worden wäre, wird heute als kurzweilige Reihe in kleinen Häppchen für zwischendurch produziert. Was sagt diese kurze Form der Serie über unsere kognitiven Fähigkeiten aus? Unsere Konzentrationsfähigkeit hält laut den Besucherzahlen der Kinos durchaus noch eine volle Spielfilmlänge durch. Solch ein Spezialthema ist jedoch in 10-minütigen Folgen auch für Menschen gut verpackt, die sonst keinen kompletten Abend ihrer Zeit in Sci-Fi investieren würden. Doch während der Zeit im Wartezimmer oder im Bus ist ein solches Kurzformat willkommen – und arte bietet in der Form noch viele weitere an.

 

Helfen uns die digitalen Annehmlichkeiten also, andere Stärken zu entwickeln?

Das, was nicht mehr für relativ unwichtige Informationen (wie Telefonnummern) vorgehalten werden muss, wird in unserem Gedächtnis also frei.

Frei für Wissen, das wirklich wichtig ist.

Unsere Fähigkeiten verändern sich. Wir sind zum Beispiel in immer kürzeren Zeitspannen konzentriert und aufmerksam. Unser Konzentrationsfokus wechselt sehr schnell von einem Inhalt zum nächsten. Dafür kommen wir andererseits aber schneller und zielsicherer auf den Kern der Sache. Was daran liegt, dass wir täglich trainieren, die vielen Eindrücke zu filtern und Wichtiges und Unwichtiges zu trennen.

 

Nehmen wir die neuen Fähigkeiten wahr?

Vergleichswerte zu meinem früheren Filtervermögen fehlen mir. Das Blättern in Büchern hat sicherlich länger gedauert, als heute das Tippen weniger Begriffe oder Buchstaben, aber das liegt weniger an meinen persönlichen Fähigkeiten, sondern am schnell bedienbaren Medium.

Allerdings weiß ich, dass mir das trainierte Filtern von Informationen heute tatsächlich zugute kommt. Der oben erwähnte Austausch der Kontaktinformationen hat nämlich ein paar Tage später doch geklappt. Nun fließt in eine sehr große (und sehr aktive) WhatsApp-Gruppe ein konstanter Nachrichtenstrom, in dem ich unter anderem lernen durfte, wie ich Gruppenmitteilungen in der App deaktivieren kann – und trotzdem keine Terminabsprachen und wichtige Tipps verpasse.

Das gibt mir das Gefühl die permanent vorherrschende Informationsflut, das Medium, die Geräte – und vielleicht sogar die digitale Zeit an sich – im Griff zu haben. Doch schon dieser kurze Moment, in dem in der Gruppe das digitale Gedächtnis und die Gehirne versagten und der vage Ausblick in die Zukunft mit der Serie Osmosis, zeigt mir, wie trügerisch diese Sicherheit ist – und wie seltsam sie werden könnte. Ich weiß nun, dass ich mich um zwei Dinge regelmäßig kümmern muss:

  • eine (relativ verlässliche) digitale Sicherung
  • und das Training meiner grauen Zellen.

 
Ich übertrage meine Foto-CDs oder Dokumente zum Beispiel auf eine Festplatte, die über ein Raid-System gesichert ist. Absolute Sicherheit erhalte ich auch dadurch nicht – dank eventueller Software-Fehler oder Viren. Aber zumindest überlasse ich die wichtigsten Daten nicht dem sicheren Verfall. Natürlich könnte ich auch alle wichtigen Daten in ein Cloud-Angebot laden, wie es die Mehrheit heutzutage tut, doch ich bin ganz froh darüber, auch ohne Internetverbindung auf meine Unterlagen zugreifen zu können.

Und für das Gedächtnis gibt es zum Beispiel eine große Fülle an Apps mit einem breiten Themen-Spektrum und unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden, mit denen sich ganz unterhaltsam die Merkfähigkeit trainieren lässt. Wobei ich mir dafür ein paar ganz einfache, analoge und nützliche Aufgaben für mein Gedächtnis vorgenommen habe: Ich werde zum Beispiel ab jetzt die wichtigsten Telefonnummern nicht mehr von Siri oder dem Adressbuch eingeben lassen. Die zwei Sekunden investiere ich gern, die es dauert eine Nummer zu wählen. Dafür habe ich sie dann im Notfall spontan parat. Und die nächsten Geburtstagsbriefe schreibe ich mal wieder ganz individuell und persönlich per Hand. Die bekomme ich selbst jedenfalls lieber als ein „Happy Birthday“ per Facebook oder Snapchat – und mein Gehirn dankt es mir ebenfalls.

 

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