Als das Buch seinen Aggregatzustand veränderte

Als Christoph Kappes mir den Code für sobooks als Tweet schickte, war ich einigermaßen gespannt auf das Projekt. In vielen Projekten habe ich für und mit Kunden darüber nachgedacht, wie denn nun das Lesen der Zukunft geht. Hatte eigene Ideen und schrieb den Text: „Lasst doch das Buch in Ruhe„.

Am Sonntag habe ich dann bestimmt zwanzig Mal die Seite sobooks.de gecheckt, um zu sehen, ob ich mich nun einloggen kann.

Login mit Facebook, Bücherübersicht, Buch gekauft mit Paypal, im Buch gelesen – das ging schnell und einfach.

Gelesen? Davor hatte ich vor allem Angst; vor einer hippen Featuritis, die mich vom Lesen abhält und immer etwas von mir will. Doch auf dem iPad einmal getappt und alles ist fort, ganz wie in den üblichen Readern. Nur der Text und rechts oben eine Zahl, die mir sagt, ob jemand mit dieser Seite interagiert hat. Kann man gedanklich ausblenden wie ein Banner.

Tut man aber nicht, denn durch diese Zahl spürt man auf einmal etwas Neues. Man ist allein, liest allein und wenn man will kann man sehen was die anderen denken, sich von ihnen inspirieren lassen. Die kleine Zahl zeigt mir an, dass da noch jemand ist, der auch etwas beiträgt und am Ende eben auch genau das hier liest. Es wird real, dass Bücher auch von anderen als einem selbst gelesen werden.
Im Rahmen der #fbm13 haben wir eine Menge gelesen von „Social Reading“ und Prognosen gehört, ob man das nun braucht oder nicht und wie sich alles entwickeln wird. Mich aber hat „social“ als Selbstzweck immer abgeschreckt, weil ich beileibe nicht alles kommentiere und die vielen Kommentare oftmals auch nichts weiter bewirken als die von Frau Passig so treffend bezeichnete Konsensillusion zu erzeugen (übrigens auch ein „Buch“ bei sobooks). „Social“ war nichts, was ich in einem Buch haben wollte.

Aber so ist das mit der digitalen Zeit, man muss etwas ausprobieren und erst dann kann man erfahren, ob es funktioniert. Es bewirkt etwas, eine kleine Zahl oben rechts zu sehen, die andere Leser repräsentiert – etwas, das man nur erleben kann und nicht theoretisch verstehen. Denn theoretisch war es für mich uninteressant. Praktisch habe ich den ganzen Abend gelesen und Passagen gemocht, was bei sobooks „spannend“, „famos“ usw. heißt. Und ich habe Seiten eines Buches geteilt.

Und das macht sobooks zu etwas mit dem „spürbaren Unterschied„: Ich lese ein Buch (so wie immer) und kann Teile daraus – egal ob Passagen oder ganze Seiten teilen. Meine „Freunde“ können diese Inhalte entsprechend auf den sozialen Netzwerken wahrnehmen und nach dem Klick auf den Link auch wirklich lesen, da sie nicht von einer Paywall daran gehindert werden.

Das E-Book markierte den ersten Wechsel des Aggregatzustandes, denn es ist im Verhältnis zum gedruckten Buch flüssig. Es ist als Ganzes Teil der digitalen, fließenden Zeit und konnte sich auf einmal überall hinbewegen. Ein Klick und auf dem Bücherregal meines iPads befand sich das neue Buch von Ian McEwan „Honig“, das ich so spontan auf einer langen Zugfahrt lesen konnte.

Doch das Buch hat mit sobooks seinen Aggregatzustand erneut verändert.
Denn es ist nicht mehr ein Stück „Holz am Bildschirm“, sondern seine (Bestand-)Teile können auf einmal fliegen. Und sind damit Teil einer immer größer werdenden Wolke, die uns umgibt und uns in tausenden von kleinen Beziehungen verbindet. Nicht nur, dass das Buch nicht mehr physisch ist; es ist immer da, und wenn ich es will, fliegen Teile daraus zu meinen Freunden, als Link in einem Blogbeitrag usw.

Das Buch ist gasförmig geworden.

Da viele Experten immerzu versuchen die Zukunft vorauszusagen, und neuen Technologien abwechselnd für den zukünftigen Weltfrieden oder das Gegenteil verantwortlich machen, versuche ich hier einmal eine andere Einordnung.

Wir werden in Zukunft vermutlich alle drei Aggregatzustände des Buchs sehen, und jeder Leser wird die verschiedenen Darreichungsformen unterschiedlich für sich nutzen:

Der eine will Bücher ins Regal stellen oder mit sich herum tragen, er liebt das Feste und die Sicherheit, dass das Buch auch in hundert Jahren noch da ist. Auch von der speziellen Haptik des Papiers ist er angetan. Für ihn gibt es viele Angebote.

Der andere will den praktischen Vorteil des virtuellen Bücherregals nicht missen und lädt seine Bücher als E-Book auf sein Device. Es fliest als Ganzes durch die Leitung. Er freut sich über die ihn permanent begleitende Auswahl an Lektüre.

Seit Sonntag gibt es das Buch auch für diejenigen, die sich daran gewöhnt haben, Ideen, die sie gut und richtig finden, oder eben schlecht und falsch, mit anderen zu teilen. Es wird zu einer Wolke voller Inhalte und Beziehungen.

 

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3 Kommentare zu “Als das Buch seinen Aggregatzustand veränderte

  1. Hallo Dirk, wie wohltuend hier nichts strategisches, oder andere Ratschläge an die Gründer zu finden, sondern genau das was ich auch erlebe , seit ich von Sobooks gehört, die Präsentation auf der Buchmesse erlebt und nun bis heute erlebt habe. Ich versuche das Projekt aus kundensoziologischer Sicht, als Kundensoziologe und Autor ( EU- Busfahrerausbildung , Kirschbaum Verlag (und als Beauftragter für das Verbandsmarketing des Berufsverbandes deutscher Soziologinnen und Soziologen(BDS) zu unterstützen, weil Social Book zunächst einmal für mich eine Hoffnung ist. (Mehr dazu findet man hier : . Habe nämlich keine Lust mehr Amazon zu unterstützen… Ich vertraue Christoph Kappes und Sascha Lobo und freue mich dass sie ein Experiment wagen und sich in dieses Abenteuer der Kommunikation stürzen. Für mich ist nach Lektüre des Buches Die Abenteuer der Kommunikation (Von Harald Wenzel Die Abenteuer der Kommunikation, Weilerswist 2001, Mehr dazu hier: ) schon klar, dass das Buch ein parasoziales Medium ist, Was ich nicht weiss, ist ob es wenn es liquide wird, oder gasförmig und eben social wird, es seinen festen Platz für die Vertrauensbildung und den Zusammenhalt in der modernen Gesellschaft behalten wird. Das wird sich zeigen. Klar ist, dass die Arbeit, die früher der Drucker machte, um das Buch an einem Stück herzustellen, nun für die Bereitstellung von Texthäppchen nun von der IT und der Vertrieb von Büchern, die wir mögen oder die uns ärgern, nun von uns allen geleistet werden wird. Ein Geschäftsmodell wird sich bei diesem Auskundschaften von neuen Wegen sicher auch ergeben. Auch ohne Hardwarestrategie, gelle?

  2. […] paar Gedanken zu Sobooks und den Aggregatzustand von Büchern. Das Bild mit den Zuständen finde ich […]

  3. […] Dirk Beckmann erklärt sehr schön, was das Tolle und Neue an sobooks […]

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