Die Veränderungen der letzten Jahre in der Medienbranche, Investitionen in die heranwachsende Leserschaft von morgen, sowie nützliche Eigenschaften und Konzepte der Lokal-Verleger für die Zukunft haben uns in folgendem Interview mit Martin Wieske beschäftigt.

artundweise:
Herr Wieske, Sie sind bereits seit 1994 für den Verband der Lokalpresse tätig und inzwischen sogar fast zehn Jahre im Amt des Geschäftsführers. Können Sie beschreiben, wie sich die Anforderungen an den Verband im Laufe der letzten Jahre verändert haben?
Martin Wieske:
Verbandsarbeit ist heute mehr denn je eine Dienstleistung für Mitglieder. Reichte es in früheren Bonner Zeiten aus, den Verband medienpolitisch nach außen zu vertreten, so sind die Ansprüche der Mitgliedsverlage heute zu Recht gestiegen. Der Verband Deutscher Lokalzeitungen versteht sich mittlerweile als eine Drehscheibe für Informationen und Ideen aus allen Verlagsbereichen. Dafür gibt es mittlerweile zahlreiche Ausschüsse und Round-Tables, in denen wir praxisrelevante Fragestellungen und Herausforderungen gemeinsam mit und für die Mitglieder entwickeln. Aktuell sind dies beispielsweise Video- und Fotoseminare aus der Praxis für die Praxis. Aber auch auf Kongressen, Seminaren und Workshops tauschen sich die kleineren und mittleren Verlage regelmäßig aus.
Sicher liegt es auch an der insgesamt schwierigen wirtschaftlichen Lage, dass die Verlage im VDL enger zusammenrücken. Aber auch die medienpolitische und die Öffentlichkeitsarbeit haben in den vergangenen Jahren immens zugelegt. Wir haben dazu vor vier Jahren beispielsweise einen Gesprächskreis mit dem schönen Titel “Zukunftslounge Berlin – Kommunikation und Gesellschaft” gebildet. Der Bundesfinanzminister, der Bundesverkehrsminister, der Bundesverteidigungsminister und viele andere Persönlichkeiten der Bundesregierung sind hier regelmäßig unsere Gäste. In Zeiten des Internets und neuer Medien gilt es natürlich ganz besonders, die Vorzüge lokaler Tageszeitungen hervorzuheben. Dafür haben wir beispielsweise eine Wanderausstellung zu dem Thema “Lokale Zeitungen – Mitgestalter der Demokratie” ins Leben gerufen. Den kürzlich erfolgten Startschuss gab Bundesinnenminister de Maizière in Anwesenheit von 200 Gästen, darunter 40 Abgeordnete des Deutschen Bundestages.
Kurzum, wir müssen heute unsere Veranstaltungen wesentlich höher aufhängen als in der Vergangenheit. Fast 20.000 Lobbyisten sind in der Liste des Bundestages geführt. Da gilt es, die Kräfte gezielt und sinnvoll einzusetzen.
Dem Verband Deutscher Lokalzeitungen ist es in den 10 Jahren Berliner Präsenz gelungen, sich in der Hauptstadt in ein großes, funktionierendes Netzwerk zu integrieren. Entsprechend höher sind die Anforderungen und Erwartungen auch von außen.
artundweise:
Das veränderte Mediennutzungsverhalten stellt auch für die Lokalpresse eine Herausforderung dar. Wie kann es gelingen, für den Leser auch weiterhin attraktiv zu sein?
Martin Wieske:
Alle Welt redet mittlerweile von der Bedeutsamkeit des Lokalen. Auch größere Zeitungen haben dies erkannt. Die Lokalberichterstattung ist die ureigenste Aufgabe der Heimatpresse. Das Interesse der Menschen an dem Geschehen in ihrer Region ist nach wie vor ungebrochen. Dazu zählt ganz klar auch und insbesondere der Lokalsport. Es lohnt sich für die Verlage weiter und verstärkt in die Qualität des Lokalteils zu investieren. Auch auf kommunaler und lokaler Ebene ist durchaus investigativer Journalismus möglich. Das sind Dinge, die nicht austauschbar und beliebig sind.
Auch in Zukunft wird der Rezipient die Auswahl seines Mediums von den Inhalten abhängig machen. Lokalzeitungen sollten nicht den Fehler machen, kurzfristigen Medientrends zu folgen. Es macht keinen Sinn allzu boulevardesk zu werden, Texte beispielsweise häppchengerecht zu kürzen. Hintergründiger Lokaljournalismus, von professionell ausgebildeten Journalisten erstellt, hat gute Chancen, sich gegen schnelllebige Trends durchzusetzen. Dabei ist es zweitrangig, auf welchem Medium dieser letztlich verbreitet wird – auf Papier, im Netz, dem neuen iPad oder sogar dem Handy, am besten ergänzend auf allem.
artundweise:
Ihr Ansatz, Kinder an Tageszeitungen heranzuführen, baut ganz deutlich auf die Zukunft.
Setzen Sie dabei ausschließlich auf Printprodukte oder werden auch neue Medien berücksichtigt?
Martin Wieske:
Gemeinsam mit der medienfabrik Gütersloh entwickeln wir zurzeit ein eigenes Online-Projekt für Kinder. Im Idealfall lassen sich die Kinderzeitungs-Themen dann crossmedial weiterführen. Interessant an diesem Angebot werden auch auditive Inhalte sein. Da wir noch mit Kooperationspartnern in konkreten Gesprächen sind, wäre es verfrüht, jetzt schon weiteres preiszugeben.
artundweise:
Das Projekt Kinder-Zeitung wurde vom VDL und der medienfabrik bereits im Jahr 2006 gestartet. Können Sie uns sagen, wie sich das Projekt Kinder-Zeitung bis heute entwickelt hat?
Martin Wieske:
Gestartet sind wir seinerzeit mit der Agentur Fastbinder in Hatten-Sandkrug. Die medienfabrik Gütersloh ist als starker Partner erst später eingestiegen, entwickelt die Zeitung aber stetig fort. Die Qualität des Produktes wird immer besser, sowohl die inhaltlichen Schwerpunkte als auch das Layout unterliegen stetigen Veränderungen.
Die Auflage der Kinder-Zeitung ist weitgehend stabil. Noch ist es uns nicht gelungen, nationale Werbekunden oder potente Sponsoren für das Projekt zu finden. Sobald uns diesbezüglich ein Durchbruch gelingt, werden wir viele weitere Abnehmer finden. Ich wünsche mir das sehr, denn dieses Projekt ist für den Lesermarkt sehr wichtig und in seiner Art einzigartig.
artundweise:
Aktuell werden diverse Bezahlmodelle gestartet. Was sind aus Ihrer Sicht Geschäftsmodelle für lokale Zeitungsverlage, die langfristig erfolgreich sein können?
Martin Wieske:
Wenn ich Ihnen diese Frage aus dem Stand beantworten könnte, wäre ich der Titelstar aller Fachmagazine. Doch im Ernst – das Thema ist so vielfältig, dass es sich hier nur kurz umreißen lässt. Viele Verlage haben schon jetzt Erfahrungen mit Online-Shops oder Providing gesammelt. Mit der Verbreitung von Smartphones wird die Frage der Inhaltsangebote aktueller denn je. Möglicherweise bietet es sich an, hierüber so genannte “Blaulicht”-Meldungen kostenpflichtig zu verbreiten. Im Internet können Themen vertiefend und ebenfalls kostenpflichtig angeboten werden.
Ich bezweifle aber, dass Bezahlmodelle im Internet und in den neuen Medien langfristig den Erfolg haben werden, den sich auch manche Lokalzeitungsverleger erhoffen.
Das Produkt Lokalzeitung muss vielmehr weiterentwickelt werden und zukunftsfähig sein. Mit Zusatzangeboten wie Apps und Bewegtbildern sollten weitere Märkte besetzt werden. Bestenfalls werden diese sich refinanzieren lassen.
artundweise:
Herr Wieske, denken Sie, dass es in 20 Jahren noch klassische Zeitungen auf Papier geben wird und wenn ja, welche Zeitungen werden Bestand haben und wie können lokale Tageszeitungen bestehen?
Martin Wieske:
Entscheidend ist, wie gut die Zeitungen gemacht werden und welchen Nutzen sie für den Leser haben werden. Die Lokalberichterstattung wird eine zunehmende Rolle spielen – egal ob für groß oder klein.
Zeitungen können weiter mit ihrem hohen Vertrauen und ihrer großen Glaubwürdigkeit punkten. Sie werden ihre Nachrichten weiter verbreiten – gleich auf welchem Trägermedium. Darüber zu spekulieren, erscheint mir nicht sinnvoll.
artundweise:
Glauben Sie, dass die Verleger lokaler Zeitungen die finanzielle Kraft und die Ressourcen haben, um den Wandel der Medienbranche erfolgreich mitzuvollziehen?
Martin Wieske:
Ja, sie haben es in der Vergangenheit schon häufig bewiesen. Hohes Kostenbewusstsein, Investitionen zur richtigen Zeit an richtiger Stelle vorzunehmen und der starke Wille auch schwierige Zeiten zu meistern, sind wichtige Entscheidungen und Eigenschaften der Lokal-Verleger.
artundweise
Nun noch eine letzte Frage. Herr Wieske, was würden Sie lokalen Tageszeitungen für die Zukunft raten?
Martin Wieske:
Sie sollten weiter nahe an dem Geschäftsmodell der Lokalzeitung bleiben. Diese weiter verbessern und die neuen Möglichkeiten des Internets, des Marketings etc. als Chance zur Ergänzung sehen und nicht als Allheilmittel.
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