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Ein Hamburger in Bremen

In der Stadion-Version von Lotto King Karls „Hamburg, meine Perle“  heißt es:  „Würd‘ ich über München singen, müsst‘ ich lügen, dass die Balken biegen“. Nun, auch als in Bremen bekennender Hamburg-Fan möchte ich gerne eine kleine, ehrliche Laudatio auf die etwas kleinere, südlichere Hansestadt schreiben.

Wenn man, so wie ich, nördlich der Elbe in Hamburg geboren und am Plöner See in Holstein in Ostsee-Nähe aufgewachsen ist, hat man einen Bezug zu einer Weltstadt und einer Landschaft, der ganz sicher nicht einfach zu toppen ist.

Stehen auf der A1 Bremen ist zwar nicht gerade Süddeutschland, aber auch nicht wirklich im Norden und tendenziell mit dem Klischee „Dorf mit Straßenbahn“ behaftet.

Das arrogante Hamburger-Gen in mir hätte vielleicht, in voller Ignoranz vor meiner Ankunft, sogar noch mit Überzeugung behauptet, dass das Beste an der Hansestadt Bremen die A1 nach Hamburg ist…

Als ich, trotz meines Outings als leidenschaftlicher Anhänger des Nord-Clubs mit der schwarz-weiß-blauen Raute, im Vorstellungsgespräch das Angebot bekam, bei artundweise in Bremen zu arbeiten, verstand ich glücklicherweise diese Geste der Toleranz und nahm gerne an. Nach einem kurzen beruflichen Intermezzo in Stuttgart waren meine Frau und ich auch ehrlich gesagt froh, wieder im Norden zu sein, wo das Leben einfach unkomplizierter und die Kommunikation direkter ist. Nicht zuletzt gab es für mich natürlich viele berufliche Gründe, die für artundweise sprachen, aber die sind nicht Thema dieses Beitrags.

Eine Stadt wird ja vor allem durch die Menschen geprägt, die dort leben. Die Menschen in und um Bremen erlebe ich immer wieder als bemerkenswert entspannt, offen, kreativ und überaus liebenswert. Auch meine Frau war schnell begeistert von unserem neuen Wohn-Umfeld, das uns mit offenen Armen empfangen hat. Die Menschen hier scheinen ein besonders sensibles Gefühl dafür zu haben, wann man Lust auf Kontakt hat und wann man lieber in Ruhe gelassen werden möchte. Wie in einem Dorf ist man sofort eingebunden, kann aber auch die Anonymität einer Metropole leben, wenn man gerade diese präferiert.

Besonders gut sind die Bremer darin, kulturelle Veranstaltungen mit einer ungezwungenen, individuellen Note in Eigeninitiative zu gestalten: Breminale, La Strada, das Viertel-Fest, der Bremer Samba Karneval oder auch der autofreie Sonntag sind u.a. exemplarisch für einen unverkennbaren Bremer Charme abseits des Mainstreams und Ausdruck eines wirklich herausragenden Lebensgefühls, welches diese Stadt unverwechselbar prägt. Alternierende Lebensstile werden in Bremen nicht nur respektiert, sondern sogar tatsächlich mit erstaunlich großer Unterstützung aller Bürger zelebriert.
Karneval in Bremen - Bremer machen Samba
Bremen ist sicher keine Weltstadt wie Hamburg oder Berlin. Aber Bremen ist eine sehr lebendige und extrem weltoffene Stadt in der Vielfalt ein spürbarer Wert ist. Der Vergleich zu Amsterdam ist hier sicher nicht ganz fern. Hinzu kommt die wohl seltene Eigenschaft einer Großstadt, dass der Weg in die Natur immer nur einen Spaziergang entfernt ist.

Für uns und unseren kleinen Sohn haben wir uns Lilienthal am nordöstlichen Rand von Bremen als Wohnort ausgesucht, da wir dort unmittelbar in der Natur und gleichzeitig schnell (sogar mit Straßenbahn-Anbindung) in der Stadt sind.

Hamburger kurz vor Bremen Das Einzige, was ich an dieser Ortswahl bedaure ist, dass ich meine Steuer eigentlich lieber dem notorisch knappen Land Bremen zugute kommen lassen würde, Lilienthal aber geografisch zu Niedersachsen zählt. Wäre ich vor ca. 10 Jahren schon nach Bremen gezogen, wäre als Stadtteil wohl das pulsierend bunte Viertel die erste Wahl gewesen.

Das einzige Manko an Bremen ist der verlängerte Weg zu den Heimspielen meiner Lieblingsmannschaft. Ich werde sicher niemals ein Fan von Werder Bremen sein. Doch selbst dafür zeigen die Bremer Verständnis. Aber ein Fan von „Bremen und um bei“ bin ich jetzt schon.

3 Kommentare zu “Ein Hamburger in Bremen

  1. Sehr gut nachvollziehbar! Mich beschleicht auch schon ein ganz schlechtes Gewissen, wenn ich nach dem Unzug meine Steuern nach Niedersachsen trage. Dabei ist Brinkum ähnlich wie Lilienthal so dicht dran…

  2. Ein Beitrag der mir aus der Seele spricht…
    Als greifswalder Mädchen habe ich mich schwer getan ein neues zu Hause für mich zu finden – doch heute kann ich sagen, dass ich mit Bremen eine nahezu perfekte Wahl getroffen haben. Im Vergleich zu Greifswald wirkt Bremen beinahe riesig, erscheint dabei aber nicht angsteinflößend, sondern eher unfassbar überschaubar. Ich vermisse zwar den echten Strand, aber so ein Fluss wie die Weser kann auch seine Vorteile haben. Einziger echter Nachteil ist die Entfernung zu meiner Heimat der Ostsee… Doch wie sagt man so schön: Wer das eine will, muss das andere mögen und ich glaube, ich kann mich ziemlich gut damit arrangieren.
    Danke Bremen, dass du mich so herzlich inmitten des bunten Viertels bei dir aufgenommen hast!

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